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Ehrenkultur: Hitler die Uffinger Ehre nehmen

Ehrenkultur: Hitler die Uffinger Ehre nehmen

Ehrenkultur: Hitler die Uffinger Ehre nehmen

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Bürger | veröffentlicht am: 29 Dezember 2021 | bearbeitet am: 29 Dezember 2021

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach im September diesen Jahres bei der Eröffnung des Humboldt-Forums in Berlin ausführlich über Erinnerungskultur, die uns in Deutschland durch die Shoah und den Kolonialismus in Afrika besonders nah sein muss.

Gutes wie Schlechtes muss in unserer Erinnerung behalten werden, um in Zukunft Vermeidbares zu vermeiden und Gelungenes zu pflegen. Jede Gemeinde muss dazu auf ihre Geschichte blicken. In der Liste der Uffinger Ehrenbürger findet sich bis heute Adolf Hitler. Ein sichtbarer Eingriff in diese Chronik mit einer symbolischen Aberkennung dieser Würde war für mich längst überfällig.*

Am 18. November hatte ich dazu vor dem Gemeinderat folgenden Vortrag gehalten:

„Bevor ich zum Kern meiner Rede komme, ein kleiner Ausflug über den Atlantik. Viele Uffinger und Uffingerinnen wissen, dass ich als Journalist seit fast 50 Jahren mit den Ureinwohnern von Nordamerika in Verbindung bin. Eine besonders enge Beziehung habe ich zum Völkerbund der sechs Nationen der Irokesen, die sich selbst Haudenosaunee nennen, was übersetzt bedeutet: Menschen der langen Häuser.

Dieser nach dem 1. Weltkrieg gegründeten Völkerbund besteht seit über 800 Jahren, die sechs Völker leben im Staat New York und in der kanadischen Provinz Ontario. Die Häuptlinge werden bis heute von sogenannten Klanmüttern ernannt und bei Amtsmissbrauch auch wieder abgesetzt; in jeder Ratssitzung sind auch Klanmütter anwesend. Die Klanmütter einer Nation beobachten die Heranwachsenden und führen Buch über mögliche Kandidaten. Ein sehr effizientes System, das aber natürlich seine Grenzen in der Größe einer Gemeinschaft hat.

Der oberste Häuptling des Völkerbundes trägt den Namen TADODAHO. Von ihm möchte ich kurz erzählen, da mich diese Geschichte immer wieder aufs Neue beeindruckt. Ursprünglich lagen sich die einzelnen Völker in ständiger Fehde. Blut musste fließen, ein Rachemord führte zum nächsten; zusätzlich herrschte Kannibalismus. Da erschien Deganawida, eine Lichtgestalt, die Irokesen nennen ihn einfach Peacemaker – Friedensstifter. Er wollte eine Gesellschaft, in der Männer und Frauen gleichberechtigt sind und gemeinsam über den Frieden wachen. Er sprach von einem ,großen Gesetz des Friedens'.

Der Peacemaker brauchte breite Unterstützung, bevor er sich der Schreckensfigur zuwandte, von der aller Terror ausging. Diese Schreckensgestalt trug den Namen Tadodaho: dem die Schlangen aus den Haaren wachsen. Er war ein Diktator, ein mordender Machtmensch, asozial, der Körper vor Hass verkrümmt, die verfilzten Haare auf seinem Kopf glichen Schlangen. Er galt als Zauberer, der Stürme erschaffen und Stürme anhalten konnte. Als der Peacemaker sich ihm schließlich näherte, waren die meisten Gemeinden bereits zum großen Gesetz des Friedens übergetreten.

Interessant ist, was jetzt folgt: Der Peacemaker und sein Gefolge kämmten dem Tadodaho die Schlangen aus dem Haar und massierten die verkrümmte Gestalt, bis er wieder, so wird erzählt, zu einem Menschen wurde. Der Peacemaker ging davon aus, dass der Tadodaho nicht als Monster geboren wurde, sondern als Mensch. Also, so folgerte er, müssen wir den Menschen in ihm wieder sichtbar machen.

Als sie aus dem Monster wieder den Menschen geformt hatten, sprach der Peacemaker zum Tadodaho: Du sollst der oberste Hüter des neuen Friedensgesetzes sein und alle, die dir nachfolgen, sollen künftig deinen Namen tragen, damit die Geschichte nicht vergessen wird und wir daran erinnert werden, dass jeder von uns zu einem Monster werden kann und wir daher gemeinsam ein friedliches Miteinander schaffen und täglich pflegen müssen, denn Frieden ist viel mehr als: kein Krieg.

Die Irokesen-Verfassung diente übrigens den Gründervätern der Vereinigten Staaten als Anregung. Bis heute ist das ,Große Gesetz des Friedens' Grundlage des Zusammenlebens der Irokesen, bis heute heißt ihr oberster Wächter Tadodaho.

Was mich so beeindruckt: Hier wird die Vergangenheit von jeder Generation aufs Neue mit in die Gegenwart getragen. Also eine vorbildliche Kultur des Erinnerns, des Nicht-Vergessens. Dabei wird das Böse weder geleugnet noch verschwiegen. Und damit komme ich zu Adolf Hitler, einer Verkörperung des Bösen, die leider keine vergleichbare Verwandlung durch gemacht hat und die auch keine einsame Schreckensfigur war, sondern von einem breiten Regime des Schreckens getragen wurde.

Hitler wurde am 21. März 1933 vom Uffinger Gemeinderat die Ehrenbürgerschaft angetragen; mit einem Schreiben vom 3. Mai 1933 nahm er diese an. Das originale Gemeinderatsprotokoll vom 21. März 1933, so teilte mir unser Dorf-Chronist Franz Huber mit, wurde unmittelbar nach Kriegsende vernichtet. Dennoch ist – ob es uns gefällt oder nicht – Adolf Hitler ein Teil der Uffinger Geschichte, nicht nur durch seine Verhaftung in der Hanfstaengl-Villa.

Ehrenbürgerwürden erlöschen zwar nach dem Tod, aber wie man mit ihnen danach umgeht, ist jeder Gemeinde vorbehalten. Dass Uffing seine Ehrenbürger in Ehren hält, zeigt die Galerie der Gewürdigten in der Eingangshalle des Rathauses: in der Mehrzahl erloschene Würden, aber dennoch an der Wand. Es fehlt nur Adolf Hitler. Er ist unterschlagen worden, aus bekannten, begreiflichen Gründen.

Nun stellt sich hier aber die Frage: Wollen wir riskieren, dass in den nächsten Generationen jemand die Unterschlagung ausgräbt und fragt, warum wir die Taten unserer Vorfahren verschweigen? Einen Fehler zuzugeben ist ein Zeichen der Stärke, nicht der Schwäche. Das gilt auch für einen Irrtum, auch für ein Schwimmen mit dem Strom. Eine Tafel ohne Foto könnte den Sachverhalt darstellen, dazu das Datum der posthumen Aberkennung.

Viele bayerische Städte und Gemeinden haben sich in diesem Jahrtausend besonnen, Hitler posthum die Würde aberkannt und sich von der ehemaligen Verleihung distanziert: 2007 Hof, 2008 Berchtesgaden, Kelheim und Lindau am Bodensee, 2009 Schwabach, 2011 Eggenfelden, 2012 Dinkelsbühl, 2013 Bayreuth, 2016 Tegernsee.

Es ist kein juristischer Akt, sondern immer ein symbolischer. Er ist wichtig für die kommenden Generationen!

Ich beantrage daher, dass der Gemeinderat Uffing dem Ehrenbürger Adolf Hitler posthum diese Würde aberkennt und diesen symbolischen Akt öffentlich kund tut. Dies soll auch in der Galerie der Ehrenbürger dementsprechend dargestellt werden. Es ist nie zu spät. Zuletzt, im Juli 2021, hat sich die Stadt Babenhausen bei Darmstadt zu diesem Schritt entschlossen. Das Jahr 2021 hat durchaus noch Platz für ein Dorf am Staffelsee. Unsere Kinder werden es uns danken.“

PS: Nach dem Vortrag erfuhr ich von Franz Huber, dass bei jener Abstimmung zu Hitlers Ehrenbürgerschaft im März 1933 es eine Gegenstimme gegeben hatte: die des Riegerbauers, der Hof ist direkt neben der Kirche. Ihm gebührt Dank und Ehre. Ich verbeuge mich vor ihm.

Claus Biegert, Journalist

 

* Anmerkung der Redaktion:
Der Gemeinderat der Gemeinde Uffing
a. Staffelsee bedauerte in seiner Sitzung vom 9. Dezember 2021 die Verleihung des Ehrenbürgerrechts an Adolf Hitler vom 23. März 1933 außerordentlich und distanzierte sich von diesem Beschluss. Über eine mögliche Erinnerungstafel im Rathaus soll später entschieden werden.

(veröffentlicht in Hoagart 02 | Januar 2022, siehe unten, Seite 26 bis 27)

 

Januar 2022

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