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Der Permakulturgarten in Kalkofen

Der Permakulturgarten in Kalkofen

Der Permakulturgarten in Kalkofen

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Bürger | veröffentlicht am: 29 Dezember 2021 | aktualisiert am: 31 Dezember 2021

Hügelbeete schlagen Wellen und Dachstühle erwachen zu neuem Leben!

Ein Dachstuhl kommt unter die Erde – das hätten sich Lisa Filgertshofer und ihre Mitstreiter bis vor kurzem kaum vorstellen können, bis sie an einem trüben Dezemberwochenende 2020 beim Landwirt Michael Weiß zusammenkamen und unter Wahrung des Coronaabstandes Dachlatten ausnagelten. Die Idee, einen Permakulturgarten zu gestalten, schwirrte schon jahrelang im Kopf von Frau Filgertshofer herum. War die Umsetzung nun wirklich in greifbare Nähe gerückt?

Alles begann im Oktober 2020 mit einem ersten Treffen Interessierter aus den Dörfern Schöffau und Uffing. Es fanden sich schließlich sechs Familien in Schöffau, die die Hobbygärtnerin Lisa Filgertshofer vom Gartenbauverein Uffing dazu angestiftet hatte, gemeinsam ein Gartenprojekt zu begründen. Doch erst als der Kontakt zum Landwirt Michael Weiß hergestellt war, nahm der Traum vom Gemeinschaftsgarten langsam Gestalt an: Er ließ sich schnell dafür begeistern und wusste bald ein passendes Fleckchen nahe an seinem Hof. Während bei dem zweiten Treffen der Gärtnergemeinschaft im November letzten Jahres noch gezaudert wurde, wann wohl der richtige Zeitpunkt für eine Beetanlage wäre und ob man nicht erst die Coronakrise abwarten wolle, brachte Michael Weiß plötzlich Schwung in die Debatte: „Warum nicht gleich damit anfangen?“ Ja, warum eigentlich nicht!

Ein Permakulturgarten sollte es werden – doch dazu brauchte es erst einmal fachliche Unterstützung einer Expertin! Karin Frank aus dem Chiemgau konnte bald für das Projekt gewonnen werden. Sie betreut in ganz Oberbayern Permakulturgärten und stand dem Team mit Rat und Tat bei zwei Terminen vor Ort zur Seite.

Die Permakulturberaterin sah den zur Vernässung neigenden, relativ stark verdichteten tonigen Boden hinter dem Hof von Michael Weiß an und meinte, hier wäre die von ihr favorisierten Hügelbeete ideal! Sie haben in dieser Situation entscheidende Vorteile: mit den Hügeln bauen wir ein eigenes, sich selbsterhaltendes Universum, unabhängig vom Untergrund. Es sind keine weiteren Bodenvorbereitungen erforderlich. Aus welchem Material sollten aber nun die Hügelbeete bestehen?

„Viel“ Holz sei notwendig! Dieses sollte den Kern der Hügel bilden. Michael Weiß hatte hinter dem Schuppen noch den Dachstuhl vom alten Hofgebäude gelagert. So war die Idee schnell geboren, diesen alten Dachstuhl zu „recyceln“.

Als die Dachlatten, Bretter und Balken im April fertig vorbereitet waren, kam Frau Frank zum Aufbau der Hügelbeete. Die Gemeinschaftsgärtner konnten sich zunächst nicht vorstellen, wie darauf etwas wachsen soll! „Ganz eng aufschichten, pyramidenförmig!“ hieß die Devise von Frau Frank. Nachdem die Erde unter den zukünftigen Beeten ca. 10 cm tief ausgehoben war, puzzelten die Gärtnerinnen größere und kleinere Holzelemente zusammen, während ihre Männer für Nachschub sorgten und die Kinder fleißig mithelfen durften. Durch den engen Holzaufbau haben Wühlmäuse keine Chance, sich im Hügel einzurichten und das Beet bliebe über ca. zehn Jahre stabil, sagte die Permakultur-Expertin.
Nun war die beabsichtigte Form der Hügelbeete bereits erkennbar – wellenförmig breiten sie sich von der Mitte ausgehend über die ca. 500 qm große Fläche kreisförmig aus, als wäre ein Tropfen ins Wasser gefallen! So kann die Anlage weitere Kreise ziehen und ist beliebig erweiterbar.
Als nächstes wurde eine Schicht Erde auf den Holzaufbau aufgetragen. Darauf kam zwei Jahre lang abgelagerter Rindermist von Biobauer Michael Weiß und anschließend wieder eine Schicht Erde. Schließlich wurden alle Beete mit Grasschnitt gemulcht.

Zwar produzieren die Hügel durch die Zersetzungsprozesse ihre eigene Wärme, doch die Witterungsverhältnisse im April 2021 waren so kalt und nass, dass man sich darauf nicht alleine verlassen konnte. Also fand die große Pflanzaktion erst im Mai statt. Über 500 Gemüsepflanzen von 30 Gemüsesorten wurden nach einem gemeinsam erarbeiteten, hügelbeetgerechten Pflanzplan von den sechs Familien an einem einzigen Tag gepflanzt!

Die meisten davon waren in einer regionalen Biogärtnerei vorgezogen. Am Ende des Tages waren alle stolz auf ihr Werk und total erschöpft! Der Pflanztermin war so gewählt, dass es am nächsten Tag den angesagten Regen geben sollte. Bei richtiger Umgangsweise brauchen Hügelbeete nicht gegossen zu werden. Sie halten Wasser und Nährstoffe bereit, die Pflanzen können zur Selbstversorgung erzogen werden.

Als erstes besuchte der örtliche Kindergarten die frisch bepflanzten Beete und die Kinder durften das Gemüse bestimmen. Das Projekt blieb natürlich auch im Dorf nicht im Verborgenen. Schon viele haben neugierig vorbeigeschaut und das üppige Gemüse bestaunt. Unsere Projektteilnehmer zeigten auch immer wieder Freunden und deren Familien stolz die beeindruckenden bepflanzten Gemüsehügel.

In den folgenden Monaten wurde ein Schneckendienst eingerichtet: jede Familie war an einem Wochentag für das Absammeln der Schnecken verantwortlich. Nur am Sonntag hatten die Schneckensammler frei! Zwischen den Beeten wurden die Rasenflächen gemäht und das Schnittgut dünn als Mulch auf die Beete verteilt, damit sich die Schnecken auch nicht zu wohl fühlen sollten. Die Außenbegrenzung der Beete bilden Hackschnitzel und Holzasche – das verhindert, dass zu viel Gras in die Beete hinein wächst.

Es entwickelte sich über den Sommer eine tolle Vielfalt aus Blumen und Gemüseraritäten. Die Gemeinschaftsgärtner beobachteten Schmetterlinge und Vögel, die besonders die Sonnenblumenkerne zu schätzen wussten. Dann kam der große Schock – der Hagelschlag im Juli schien in kürzester Zeit die Ernte zunichte zu machen! Aber die Gemeinschaftsgärtner gaben nicht auf und sahen bereits nach wenigen Wochen, dass sich viele der samenfesten Gemüsepflanzen wieder aufrappelten. Andere wurden durch Kohl für die herbstliche Ernte ersetzt. Nun war nicht mehr der Schneckendienst gefragt, sondern der Raupendienst! Kohlweißlinge hatten ihre Gelege an die Kohlblätter gelegt. Die Pflanzen entwickelten sich wieder prächtig – gerade rechtzeitig zum Gartenratsch des Gartenbauvereines Uffing, zu dem Anfang September 2021 eingeladen wurde. Die zwanzig Teilnehmer hatten an Frau Filgertshofer und Herrn Weiß viele Fragen und konnten kaum glauben, was auf einem alten Dachstuhl wachsen kann!

Im nächsten Jahr sollen die Beete auf die Familien aufgeteilt werden, so dass diese die Beete eigenverantwortlich bewirtschaften. Aber es soll trotzdem noch viel Austausch und gemeinsame Treffen geben. Es fehlt nicht an Ideen und Engagement für neue Gemeinschaftsprojekte, die den Garten erweitern und ergänzen, zum Beispiel einen Kräutergarten, Beerensträucher und Obstbäume, einen Kompostplatz, einen Gemeinschaftsplatz zum Sitzen usw. Die Hügelbeete werden also weiterhin Wellen schlagen in Kalkofen!

Text und Fotos Familien Filgertshofer, Gilg, Mittermeier, Schwarz, Weiß, Wild in Zusammenarbeit mit Bernadette Wimmer, Gartenfachberatung Landkreis GAP

(veröffentlicht in Hoagart 02 | Januar 2022, siehe unten, Seite 16 bis 19)

 

Januar 2022

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