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Sylvia Weiß und Christian Liebler – ein Leben im Auweg

Sylvia Weiß und Christian Liebler – ein Leben im Auweg

Sylvia Weiß und Christian Liebler – ein Leben im Auweg

Information
Bürger | veröffentlicht am: 30 Dezember 2022 | bearbeitet am: 30 Dezember 2022

Mit einem strahlenden Lächeln und einem herzlichen „Servus“ öffnet Sylvia Weiß die Haustür am Auweg 8.

Wir steigen die Treppe hinauf in die selbst ausgebaute Dachgeschosswohnung. Oben erwartet uns freudig Ihr Mann Christian Liebler. Nachdem wir gemütlich am Tisch in der Wohnküche Platz genommen haben, beginnt zunächst Sylvia zu erzählen.

„Ich wurde 1963 in Weilheim geboren und bin schon als ganz Kleine nach Uffing in den Auweg 8 gekommen. Bereits mein Urgroßvater Julius Bußjäger und meine Oma Sophie stammen aus Uffing. Mein Urgroßvater war verwandt mit den Besitzern der Kotreß-Mühle, die es damals unten an der Ach gab und auch mit den Besitzern des Alten Wirts, Rosina und Georg Landes. Mein Urgroßvater hatte das kleine Häusl hier geerbt, an das meine Eltern, Dieter und Hilde Weiß, ein bisschen angebaut haben. Wir sind noch in meinem Geburtsjahr eingezogen. Drei Jahre später kam meine Schwester Gaby zur Welt.

Nach der Grundschule in Uffing und Seehausen bin ich auf das Staffelsee-Gymnasium in Murnau gegangen und habe dort das Abitur gemacht.

In der Schulzeit habe ich viel Sport getrieben: Wandern, Radeln, Skifahren und den Kampfsport Ju-Jutsu. Ich habe einen Gürtel nach dem anderen gemacht, inklusive Meister-Grade und war einige Jahre als Übungsleiterin beim TSV Murnau tätig. In dieser „wuiden Zeit“, mit 16, 17, 18 Jahren, habe ich für mich, heute undenkbar, damals noch ohne Prüfung oder Flugschein, das Drachenfliegen am Laber in Oberammergau entdeckt.

Nach dem Abitur habe ich in München bei der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank eine Lehre gemacht und bin jeden Abend nach der Arbeit brav mit dem Zug nach Uffing gependelt, da ich mir ein Leben in der Stadt einfach nicht vorstellen konnte.

Ich habe danach in München an der Technischen Universität einen Studienplatz für Geologie bekommen, mit Schwerpunkt Hydro- und Ingenieurgeologie, und mein Diplom gemacht. Nebenbei: Die „wuide Zeit“, mit Drachenfliegen und Kampfsport, war mit Studienbeginn vorbei.

Im Jahr 1994 haben meine Schwester, mein Schwager Karl und meine Eltern überlegt, das Haus hier im Auweg umzubauen und ich habe mich diesen Plänen angeschlossen. Damit war es möglich, gemeinsam in einem Haus zu wohnen - meine Eltern, meine Oma, meine Schwester mit ihrem Mann, deren Tochter Katharina und ich.

Nachdem wir feststellen mussten, dass vom alten Häusl bei einem Umbau für ein Dreifamilienhaus zu wenig Substanz übrigbleibt, haben wir uns schweren Herzens entschlossen, das alte Häusl abzureißen und neu zu bauen.

Während dem Umbau bin ich in unsere kleine Schreinerwerkstatt nebenan gezogen. Meine Eltern haben damals im Ort bei der Familie Jais gewohnt. Und so wurde über zweieinhalb Jahre eine Wohnung nach der anderen fertiggestellt, vieles davon in Eigenleistung.

Um hier auch finanziell meinen Teil leisten zu können, habe ich nach dem Studium wieder bei der Bank angefangen, mit neuem Arbeitsschwerpunkt Innenbetriebsleitung und der Idee, später doch noch als Geologin zu arbeiten. Den Absprung von den Banken habe ich danach bis heute nicht mehr geschafft und das wird wohl bis zu meiner Rente so bleiben.

Zusammen mit meiner Mama habe ich einige Volkshochschulkurse für Hinterglasmalerei in Murnau belegt. Später habe ich die Aquarell- und Acrylmalerei und das Malen im Freien und nach Naturmotiven für mich entdeckt. Mit teils größeren Unterbrechungen male ich auch heute noch sehr gerne.

Vor gut 20 Jahren habe ich eine Shiatsu-Ausbildung gemacht. Zum einen, weil es mich interessiert hat, zum anderen, weil mir die Behandlungen auch selbst gutgetan haben. Shiatsu ist eine aus Japan stammende Druckmassage. Anfangs habe ich eine Shiatsu-Behandlung gegen etwas eingetauscht, ganz kunterbunt, zum Beispiel gegen Malerarbeiten, beim Umzug helfen oder Holzhacken. Später habe ich mit Shiatsu ein bisschen Taschengeld verdient und jetzt gebe ich es nur noch im Freundeskreis.

Ebenfalls vor gut 20 Jahren habe ich in Italien, in der Südtoskana, die ich gut vom Wandern und Radfahren kannte, etwas Neues und Wahres für mich entdeckt. Kurzum, ich habe mich dort in ein Stück wild verwuchertes Land am Monte Amiata verliebt, das in einer Flussschleife liegt, und dieses, nachdem sich die Gelegenheit bot, erworben, ohne weiter groß über die Konsequenzen nachzudenken.

Nun war ich also stolze Grundstücksbesitzerin, ohne Ahnung, ohne irgendeinen Plan. Meine Familie war von meiner Neuerwerbung nicht gerade begeistert. Dennoch haben alle geholfen. Zusammen mit meinem Onkel Sepp und meiner Tante Annemie sind wir über Jahre immer wieder mit der ausgeliehenen Motorsense eines Freundes runtergefahren und haben sehr mühsam, Stück für Stück, den Grund und die etwa 30 überwucherten Olivenbäume von wild wachsenden Brombeersträuchern, Ginsterbüschen und Heckenrosen befreit.
Und zu dieser Zeit habe ich dann in einem Stall am Dietlhofer See, wo ich mein Pferd Luna eingestellt hatte, Christian kennengelernt. Aber das ist eine eigene, hier nun nachfolgende Geschichte.“

Christian Liebler – meine Zeit in Uffing

„Ich bin Jahrgang 65 und komme eigentlich aus Unterfranken. Als gelernter Schreiner wollte ich auf die Meisterschule für Schreiner nach Garmisch und musste deshalb in den Landkreis ziehen, um dort als Geselle zu arbeiten. So bin ich bei der Schreinerei Anton Buchner in Völlenbach gelandet und habe dort dreieinhalb Jahre gearbeitet. In nächster Nachbarschaft habe ich anfangs bei Georg und Thea Taffertshofer im Tirolerhof gewohnt und viel Zeit mit den Kindern von Josef und Toni Buchner verbracht. Dort habe ich auch meine ersten Erfahrungen mit Pferden und dem Reiten gemacht.

Jahre später habe ich beim Reiten Sylvia in einem Stall am Dietlhofer See getroffen. Wir sind zunächst öfter zusammen ausgeritten. Irgendwann kam der Punkt, an dem sie von Italien erzählt hat und davon sprach, dass sie Hilfe für einen Transport mit Anhänger benötigt. Da ich neugierig war, das zuvor Gehörte zu sehen, zudem auch interessiert an Sylvia war, sagte ich: „In Ordnung, ich fahr.“ Und das, was ich dort unten in der Südtoskana vorgefunden habe, hat mich begeistert. Weit weg vom üblichen Rummel, mitten in der Natur, nachts stockdunkel und wohltuend ruhig. So haben Sylvia und ich uns näher kennengelernt und angefangen, gemeinsam Pläne zu schmieden.

Zunächst haben wir, von der ganzen Familie unterstützt, ein kleines Erntehütterl mit 20 Quadratmetern gebaut und dort jahrelang viel Zeit verbracht. Und es war traumhaft schön. Da wir nicht mehr die Jüngsten waren, haben wir für die Bewirtschaftung unserer Olivenbäume zu unserer Entlastung ein paar Maschinen angeschafft. Damit diese wiederum ausgelastet waren, haben wir ein weiteres Grundstück mit 90 Olivenbäumen auf knapp einem Hektar dazu gekauft. Vier Wochen nach dem Kauf hatte ich einen schweren, unverschuldeten Verkehrsunfall am Völlenbacher Berg.
Das war für mich der Punkt, an dem ich zu mir gesagt habe, so wie bisher kann es einfach nicht weitergehen. Nach der Ausbildung zum Schreinermeister war ich jahrelang selbstständig mit eigenem Planungsbüro, bin im Jahr bis zu 70.000 Kilometer auf der Straße gewesen, weil ich von Projekt zu Projekt gehetzt bin. Auch der Unfall ist auf dem Weg zu einer Projektbesprechung passiert. Danach habe ich mich über fünf Jahre mit der gegnerischen Versicherung herumgeschlagen, obwohl die Schuldfrage von Anfang an feststand. Ich habe meine Planungstätigkeiten danach deutlich eingeschränkt und bin heute Angestellter in Teilzeit bei einem Unternehmen in Huglfing. Dadurch habe ich den Projektstress als Selbständiger reduziert und mir Freiräume für unsere Italienaufenthalte geschaffen. Das war auch deshalb erforderlich, weil sich unser Italien-Projekt immer weiterentwickelt hat. In verschiedenen Bauabschnitten ist aus dem Erntehütterl ein gemütliches Wohnhaus entstanden - und aus den anfänglichen 30 Olivenbäumen eine biozertifizierte Landwirtschaft mit 500 Olivenbäumen. Wir haben für unser Projekt noch ein paar Ideen und mit Glück, der nötigen Energie und Zeit geht es für Sylvia und mich Schritt für Schritt weiter.“

Sascha Chowdhury,
nach einem Interview mit Sylvia Weiß und Christian Liebler vom 25. November 2022

Foto © Redaktion Hoagart

(veröffentlicht in Hoagart 06 | Januar 2023, siehe unten, Seite 22)

 

Januar 2023

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