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Bronzeschatz aus dem Uffinger Schinderfilz-Moor

Bronzeschatz aus dem Uffinger Schinderfilz-Moor

Bronzeschatz aus dem Uffinger Schinderfilz-Moor

Information
Bürger | veröffentlicht am: 25 März 2022 | aktualisiert am: 25 März 2022

Hallstattzeitlicher Bronzegefäßfund 

Aus der Sicht zweier Eisenzeitforscher erschien das Thema weiträumiger Kontakte und die Region der römischen Provinz Raetien ein guter Ansatz, und so fiel die Wahl auf den eisenzeitlichen Hortfund von Uffing a. Staffelsee im Lkr. Garmisch-Partenkirchen, der vor mehr als 150 Jahren im Schinderfilz-Moor nördlich des Dorfes entdeckt wurde.

Beschreibung der Fundstücke

Der Fund wurde im Jahr 1865 bei Torfstecharbeiten im Hochmoor entdeckt (siehe Abbildung Seite 13). Es handelt sich um zwei ursprünglich wohl intakte Bronzegefäße: eine bronzene Rippenziste mit zwei festen wandständigen Henkeln und Bodenzier sowie einen fragmentarisch erhaltenen bronzenen Kessel mit angenietetem Bodenteil und Henkel (siehe Fotos oben und auf Seite 15).

Kessel: Wie die Ziste ist auch der Kessel heute nur noch in Teilen erhalten. Er besteht aus dem durch einen Bronzedraht, eine sogenannte Seele, verstärkten Rand mit Teilen der Wandung, dem vierkantigen Henkel, der in die beiden gegenständigen, schlaufenförmigen und an den Enden flachgehämmerten Attaschen eingehängt wurde, ein die beiden Wandungsbleche mittels mehrerer Niete zusammenhaltendes Blech des Gefäßkörpers sowie das ca. ein Viertel des Gefäßkörpers einnehmende Bodenblech. Die schlaufenförmigen Attaschen sind mit je zwei Nieten an der Gefäßwandung befestigt. Die Mitte des Bodenblechs ist nicht im Original erhalten und wurde als einziehend rekonstruiert.

Maße nach Jacob: rekonstruierte Höhe: 25,8 cm; rekonstruierter Bodendurchmesser: 8,5 cm; größter Durchmesser: 40,5 cm; Randdurchmesser: 40,5 cm. Die dunkelbraune Moorpatina entspricht jener der Ziste, ca. die Hälfte des erhaltenen Bodens ist mit einer malachitgrünen Korrosion überzogen. Das Fassungsvermögen des Kessels wird mit 32 Litern angegeben.

Rippenziste: Die am Rand beschädigte, zylindrische Ziste wurde zu zwölf Rippen inklusive des Randes ergänzt, da das Gefäß nur bis zur zehnten Rippe erhalten ist. Der aus zwei gerippten Bronzeblechen bestehende Gefäßkörper ist in Höhe der beiden Henkel mit sieben erhaltenen, flachgehämmerten Nieten zusammengefügt, die jeweils zwischen den ca. 1 cm breiten Rippen angebracht sind. Die oberhalb der achten Rippe gegenüberliegenden Henkel sind jeweils mittels dreier Kegelniete mit dem Wandungsblech vernietet. Zwischen den Nieten befinden sich gleichgroße, dreifache Punktkreise bzw. Kreisaugen, die in die flachgehämmerten Enden der Henkel getrieben wurden.

Maße nach Jacob: erhaltene Höhe: 25,5 cm; die rekonstruierte Gefäßhöhe beträgt 32 cm, Bodendurchmesser: 36,5 cm. Die Ziste besitzt eine braunschwärzliche Moorpatina, die u. a. am Boden grünliche Korrosionsspuren aufweist. Einzelne kleine, runde Flachniete im Bereich eines Risses unterhalb des einen Henkels sind als eisenzeitliche Flickspuren zu deuten.

Der regionale Kontext in Südbayern – die Evidenz der Grabfunde

Das Schinderfilz-Moor bei Uffing liegt in einer der reichsten  Fundlandschaften der südbayerischen Hallstattzeit, die jedoch bis in die frühe Latènezeit ihre Bedeutung behält. Diese besondere Situation ist zweifellos der Lage zwischen zwei der zentralen Süd-Nord-Verbindungen über die Alpen geschuldet. Der Blick von der Fundstelle in Richtung Süden zeigt deutlich den Eingang zu einer der wichtigen Alpenquerungen, der im Loisachtal beginnenden Brenner-Eisack-Etsch-Passage mit dem Seefelder Sattel. Die große verkehrsgeografische Bedeutung zeigt sich in der frühen Römerzeit durch mehrere Nachweise von Prügelwegen durch die zahlreichen Moore der Umgebung.

Die Region um Uffing zeichnet sich in der Hallstattzeit durch zahlreiche Grabhügel mit mehreren überdurchschnittlich reich ausgestatteten Gräbern aus. Sie wurden bereits Ende des 19. Jahrhunderts von Julius Naues Gewährsmännern ausgegraben. Die Dokumentation ist der Zeit und Grabungsmethode entsprechend dürftig. Beraubungen, aber sicher auch unsachgemäße Fundbergungen führten dazu, dass die 1959 von Kossack in seiner bis heute als Standard geltenden Monografie über die Hallstattzeit in Südbayern vorgelegten Inventare nicht die Würdigung erfahren haben, die ihre wahre Bedeutung verdiente. Die Hügelgräberfelder der näheren Umgebung des Schinderfilz verteilen sich über die Gemeinden Uffing, Eglfing, Huglfing und in nördlicher Richtung Etting. Ohne dies an dieser Stelle ausführlich besprechen zu können, sei darauf hingewiesen, dass insbesondere in der späten Hallstattzeit bis in die frühe Latènezeit hier eine größere Konzentration reicher Gräber belegt ist.

Feuchtboden- und Wasserdeponierungen der Hallstattzeit im Bayerischen Alpenvorland

Der vielleicht bemerkenswerteste Aspekt des Uffinger Depots ist sein Fundkontext im Schinderfilz-Moor. Es handelt sich um den einzigen bislang bekannten Fund einer hallstattzeitlichen Bronzegefäßdeponierung im feuchten Milieu im westlichen Mitteleuropa und das einzige Feuchtboden-Depot der frühen Eisenzeit in Bayern.

Es lässt sich die bemerkenswerte Tatsache feststellen, dass die ältereisenzeitliche Gemeinschaft von Uffing mit der Deponierung der beiden Bronzegefäße im Schinderfilz einer für das östliche Mittel- und Nordeuropa charakteristischen Opferpraxis folgte. Dass diese Konvergenz kein Zufall ist, wird durch den  in der jüngeren und späten Hallstattzeit nachgewiesenen intensiven Austausch zwischen östlichen und nordöstlichen Hallstattgruppen (letztere auch Lausitzer Kultur genannt) mit den süddeutschen Gemeinschaften nahegelegt.

Das Gefäßdepot im Schinderfilz: Rituelle Intensität zwischen den Welten

Die Gründe, warum eine südbayerische Gemeinschaft in der späten Hallstatt- bzw. frühen Latènezeit entschied, sich eine fremde Sitte des Materialopfers anzueignen und im Hochmoor bei Uffing ein Gefäßdepot anzulegen, waren sicher vielschichtig. Eine wichtige Motivation dürfte in der kulturgeografischen Grenzlage des Platzes im unmittelbaren Vorfeld des für Südbayern wichtigsten Alpenpasses gelegen haben.

Die Forschung stimmt heute darin überein, dass die von vielen prähistorischen Gemeinschaften Europas praktizierte intentionelle Versenkung von Artefakten in Gewässern und Mooren mit der empfundenen Liminalität, d. h. der Schwellen- oder Übergangssituation, und inhärenten Ambiguität des flüssigen Milieus verbunden war. Feucht- und Nasskontexte wurden als Medium genutzt, um mit der Anders-/Götter-/Totenwelt zu kommunizieren. Dies war eine komplexe Handlung, die mit der Endgültigkeit einer Wertentäußerung verbunden war und daher zu einer Memorisierung, Denotierung und schließlich narrativen Erschließung auch dieser ephemersten aller Landschaftskomponenten führte.

Dies gilt insbesondere für Moore, die eine offensichtliche naturräumliche Grenzsituation verkörpern. Diese Liminalität reflektiert eine vermutlich empfundene Transzendenz bzw. Durchlässigkeit zwischen den Welten – jene der Obertägigkeit und der Tiefe oder jene der realen Welt und einer außerhalb menschlicher Erfahrung stehenden jenseitigen Welt. Schließlich verleitet diese Ambiguität des besonderen Orts Moor zu ihrer bis in heutige Zeit in Narrativen ausgedrückten emotionalen Aufladung, die sie als gefährliche Orte mit einer besonderen symbolischen Bedeutungsbelegung kennzeichnen.

Moor- und Gewässeropfer finden sich häufig in geologisch determinierten realen Grenz- oder Schwellenlandschaften wie z. B. dem südbayerischen Moränengürtel.

In manchen Fällen evozieren naturräumliche kulturelle Grenzsituationen. Diese Fälle sind besonders geeignet, als Orte rituell gesteuerter Legitimierungs-, Aneignungs- und Abwehrprozesse zu fungieren, die aus den Spannungen mit dem kulturell Anderen resultieren.

Es ist interessant, dass die im Schinderfilz opfernde Gemeinschaft sich auf die Versenkung von nur zwei Gefäßen aus dem breiten bronzenen Symposialspektrum der Zeit beschränkte. Dies dürfte ritual-ökonomischen Erwägungen geschuldet gewesen sein, indem der Essenz einer Handlung bereits Effektivität zugesprochen wurde. Gleichzeitig aber griff die Gemeinschaft mit der Deponierung von einem reinen Gefäßdepot im Moor und vor allem durch die Beschränkung auf zwei Großgefäße sicher bewusst auf eine 500 Jahre lange, in Nord- und im östlichen Mitteleuropa praktizierte Opfertradition zurück.

Textauszüge Redaktion Hoagart,
mit freundlicher Genehmigung der Autoren Carola Metzner-Nebelsick und Louis Nebelsick

Quelle: Bericht der Bayerischen Bodendenkmalpflege 62, 2021

Foto „Kessel aus dem Depotfund“ © Archäologische Staatssammlung, Stefanie Friedrich

(veröffentlicht in Hoagart 03 | April 2022, siehe unten, Seite 11 und 15)

 

April 2022

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