Eingabehilfen öffnen

Das Blaue Land hilft - vereint für die Ukraine!

Dieser Beitrag enthält Wörter.
Die Lesezeit beträgt ca. Minuten.
Leseschwierigkeitsgrad:

Die Kreuzotter – Gefährdet, aber nicht gefährlich

Die Kreuzotter – Gefährdet, aber nicht gefährlich

Die Kreuzotter – Gefährdet, aber nicht gefährlich

Information
Bürger | veröffentlicht am: 30 Dezember 2023 | bearbeitet am: 30 Dezember 2023

Heute bei uns eine Kreuzotter zu sehen, ist schon eine große Seltenheit. Im letzten Sommer jedoch, Mitte August, fand ich eine tote Kreuzotter auf dem Weg zwischen Bahlsensteg und Seestraße. 

Sie war, zu meinem großen Bedauern, entweder mit dem Fahrrad überfahren oder erschlagen worden, auf jeden Fall keines natürlichen Todes gestorben.
Wieso werden Schlangen bei uns immer noch gefürchtet und sogar getötet?

In Bezug auf die Kreuzotter bestehen auch heute noch übertriebene Vorstellungen von ihrer Gefährlichkeit und nicht wenige Menschen glauben, dass sie Menschen angreift, anspringt - selbst Radfahrer. Die folgende Beschreibung will daher versuchen, ein objektives, auf naturwissenschaftlicher Grundlage beruhendes Bild dieser Giftschlange zu geben, und so hoffentlich mehr zu ihrem Schutz beitragen.

Die Kreuzotter
Innerhalb der Schlangen zählt die Kreuzotter (Vipera berus) stammesgeschichtlich zu den Vipern, die durch den Besitz von zwei Giftzähnen gekennzeichnet sind. Sie ist die einzige Giftschlange Nord- und der größten Teile Mitteleuropas.

Merkmale
Zu erkennen ist die Kreuzotter an der X- oder V-förmigen Zeichnung auf dem Kopf, den dunklen Längsstreifen an den Kopfseiten, den senkrecht geschlitzten Pupillen sowie am durchgehenden dunklen Zickzackband auf dem Rücken. Die Grundfärbung der Oberseite kann von fast weiß über Grau-, Gelb- und Braunstufen bis hin zu rot oder kupferfarben variieren. Männchen sind deutlich kontrastreicher gefärbt als Weibchen und während der Paarungszeit nach der hormonell bedingten Hochzeitshäutung sogar leuchtend hellrot gefärbt.
Häufig verwechselt wird die Kreuzotter bei uns mit der ungiftigen Ringelnatter, die sich sehr einfach von der Kreuzotter durch die gelben oder gelb-weißen halbmondförmigen Flecken an ihrem Hinterkopf unterscheiden lässt.

Verbreitung
Das Verbreitungsgebiet der Kreuzotter war ursprünglich sehr ausgedehnt: von Großbritannien und Frankreich bis zur Mongolei, von Lappland bis Nordgriechenland. „Durch großflächige Lebensraumverluste – insbesondere bei den Moorgebieten des Voralpenlandes – und erhebliche Ausbreitungsbarrieren durch land- und forstwirtschaftliche Intensivnutzungen liegen in weiten Teilen nur noch fortschreitend isolierte, kleine und auf lange Sicht vermutlich kaum überlebensfähige Populationen vor“ (Joger/Wollesen, S. 117).
Das Verschwinden der Kreuzotter gilt auch für unser Naturschutzgebiet am Staffelsee. 2012 schreibt Richard Brummer im Uffinger Bürgerblatt: „Noch in den 1970er Jahren begegnete man am Staffelsee der Kreuzotter noch täglich in der Natur. ... Inzwischen ist sie in Deutschland und sogar in Bayern vom Aussterben bedroht“ (Heft 26, Sept. 2012, Brummer, S. 40). Auch in meiner Kindheit in den 1950er Jahren waren Kreuzottern am Obersee und im Moos keine Überraschung.

Habitat
Die Kreuzotter braucht wie alle Reptilien Wärme, doch meidet sie trockene und heiße Orte. Sie liebt hohe tägliche Temperaturschwankungen und benötigt Deckung gegen Sichtfeinde. Ihre hauptsächlichen Lebensräume sind daher Randbereiche von Mooren, lichte Waldbereiche etwa mit Heidelbeeren, Besenheide und Gräsern, feuchte und trockene Magerwiesen, Hecken mit einem breiten Saum und Zwergsträuchern im Unterwuchs.

Lebensweise und Entwicklung
Mit sinkenden Temperaturen im Frühherbst ziehen sich die Tiere in ihre Winterquartiere zurück. Dazu dienen in frostfreier Tiefe an trockenen Flächen unterirdische Hohlräume, etwa unter kleinen Hügeln, Baumwurzeln oder Wurzelballen. Häufig sind sie dort vergesellschaftet, es wurden gemeinsam mit Kreuzottern Ringelnattern, Blindschleichen, Erdkröten oder Waldeidechsen gefunden (Schiemenz, S. 78). Das Ende der Winterruhe ist abhängig von der Temperatur, bei Männchen etwa bei 8 °C, bei Weibchen erst bei ca. 12 °C. Sie verlassen ihre Winterquartiere, um ausgiebig, je nach Witterung 3 bis 5 Wochen, in der Sonne zu baden. Die Paarungszeit dauert 3 bis 4 Wochen und beginnt mit der ersten Häutung der Männchen (Schiemenz, S. 59 ff.).
Die Trächtigkeit der Weibchen dauert in warmen Sommern 2,5, in kühlen 4,5 Monate. Die Anzahl der Jungtiere eines Wurfs liegt, regional verschieden, bei 4 bis 15 Tieren (vgl. Schiemenz, S. 74 ff.). Die Paarungsplätze sind dabei die zentralen Orte für die Fortpflanzung: Im Mai finden hier die Paarungen statt, im Sommer die Geburt der Jungtiere.

Nahrung und Feinde
Erwachsene Kreuzottern jagen meistens in der Dunkelheit, sie ernähren sich bevorzugt von Mäusen, Eidechsen und Grasfröschen. Jungtiere fressen fast ausschließlich kleine Frösche und junge Eidechsen. Der Rückgang der Amphibien durch die Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung der Kulturlandschaft verringert die Überlebenschancen.
Die natürlichen Feinde der Kreuzotter sind Wildschweine, Marder, Füchse, Igel, auch Mäusebussarde und Graureiher. Die größte Gefahr droht ihr durch den Menschen.

Giftigkeit
Wie neuere Statistiken und Untersuchungen zeigen, endet ein Biss für den Menschen normalerweise nicht tödlich.
Der Biss wird meist als schmerzhaft empfunden, etwa wie ein Wespenstich, doch manchmal kaum wahrgenommen. In vielen Fällen kommt es trotz Biss zu keiner oder nur geringer Vergiftung. Es sollte aber auf jeden Fall, möglichst innerhalb von vier Stunden, ein Krankenhaus oder Arzt aufgesucht werden.
Kreuzotterbisse können sehr einfach vermieden werden, wenn man im Wald feste Schuhe und lange Hosen trägt, beim Beeren- und Pilzesammeln aufmerksam ist und vor allem die Tiere nicht stört, die man zufällig findet. Kreuzottern beißen nur, wenn sie keine Möglichkeit mehr haben zu fliehen und sich lebensgefährlich bedroht fühlen. Sie sind im Grunde ängstliche Tiere, die sich bei Gefahr sofort verstecken.

Gefährdung
Für die Kreuzotter gelten als Gefährdungsursachen etwa die Zerstörung der Habitate durch Intensivierung der Forstwirtschaft, die Beseitigung von Hecken und Feldrainen im Zuge der Flurbereinigung oder die Entwässerung von Feuchtgebieten und Mooren.

Zur Vertreibung der Ottern führen aber auch die anhaltenden Störungen, etwa durch Autoverkehr und Tourismus, der heute selbst die entlegensten und früher ungestörten Lebensräume der Kreuzottern erreicht, sowie die Zersiedelung der Landschaft.
Inzwischen ist die Kreuzotter aufgrund des starken Rückgangs in der Roten Liste geführt. In Bayern gilt sie als „stark gefährdet“ (Rote Liste Kategorie 2), außerhalb des Alpenlandes in Bayern sogar als „vom Aussterben bedroht“ (Rote Liste Kategorie 1), daher ist sie in Deutschland gemäß Bundesnaturschutzgesetz und Bundesartenschutzverordnung gesetzlich geschützt vor Verfolgung und Tötung (Völkl, S. 16).
Da die Kreuzotter hinsichtlich der Struktur und Vernetzung von Teilhabitaten einen sehr hohen Anspruch an ihren Lebensraum stellt, hat sie auch eine wichtige Bedeutung als Leitart für artenreiche Lebensräume. Sie teilt ihren Lebensraum mit einer Vielzahl von weiteren bedrohten Tier- und Pflanzenarten an ähnlichen Habitaten in Wald- und Moorgebieten: etwa mit Pflanzen wie Arnika und Pechnelken, Insekten wie Hochmoorbläuling, Erdhummel und Scheckenfalter, oder Amphibien wie Gras- und Moorfröschen sowie Waldeidechsen.

Artenhilfsprogramm Kreuzotter
Bereits 2003 initiierte das Bayerische Landesamt für Umwelt das „Artenhilfsprogramm (AHP) Kreuzotter“ und erarbeitete konkrete, langfristig wirksame Schutzmaßnahmen. Ab 2007 wurden die voralpinen und alpinen Lebensräume der Kreuzotter in das AHP integriert. Die ökologischen Grundlagen sowie Konzepte für den Schutz der Schlange wurden festgelegt (Völkl, S. 20 ff.).

Die Umsetzung dieser zum Schutz der Kreuzotter wichtigen und notwendigen Maßnahmen konnte bisher nur teilweise und nur in einigen Bereichen realisiert werden. Der Bestand der Kreuzotter nimmt weiterhin ab.
Wenn wir nicht wenigstens bei uns im Naturschutzgebiet am Staffelsee auf den Schutz der Schlange achten, werden unsere Kinder und Enkel auch hier dieses facettenreiche und faszinierende Lebewesen nur noch von Bildern oder aus Erzählungen kennen, aber nicht mehr in der Natur erleben können. Darüber hinaus ist zum Erhalt der Artenvielfalt für unsere Zukunft der Schutz aller Lebewesen wichtig. Die Vorlieben und Abneigungen des Menschen für oder gegen bestimmte Tiere sollten dabei keine Rolle spielen, erfahrungsgemäß ändern sich diese.

Angela Hückel

(veröffentlicht in Hoagart 10 | Januar 2024, siehe unten, Seite 50)

 

Januar 2024

ClimateID Tracking (Umwelt-Zertifikat Hoagart)

  

Redaktion (ehrenamtlich)
Sascha Chowdhury (Redaktion Hoagart)
Redaktionsteam: Sascha Chowdhury (Redaktionsleitung, Bürger, Gewerbe, Kommune), Franz Huber (Kunst und Kultur), Reinhard Mook (Natur und Philosophie)

Was denken Sie?

Schreiben Sie an die Redaktion!
Hinweis: Nach dem Absenden Ihres Kommentars erscheint hier eine kurze Versandmitteilung.

Neue Beiträge

 
A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z
 
Das Wort "Hoagart" leitet sich vom mittelhochdeutschen "Heingarte" ("Heimgarten") ab und bezeichnet ursprünglich den Garten vor dem Haus. Traditionell ist mit "Hoagart" ein gemütliches Beisammensein mit Nachbarn, Freunden oder Bekannten gemeint, gern auf dem Hausbankerl, bei dem viel erzählt, geschimpft und gelacht wird. Seinen Sie mit dabei und zeigen Sie sich als ortsansässiger Bürger aktiv mit ihrem Engagement, ihren Interessen und ihren Ansichten. 

Hoagart: Austrägerinnen und Austräger gesucht