Ich bin die Regina Schuster und 1966 als drittes von vier Geschwistern - Michael, Elisabeth und Hildegard - hier geboren und aufgewachsen. Unser Hof, der „Filzbauer“, zählt nicht zu den ältesten Höfen in Schöffau, er ist erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstanden. Seit sieben Generationen ist er in Familienbesitz, zurzeit wächst die achte Generation heran.
Wir hatten damals knapp 30 Milchkühe, was zu der Zeit nicht ganz wenig war. Und die Nachzucht. Als ich noch ein kleines Kind war, hatten wir einen Kartoffelacker zur Selbstversorgung. Auf allen anderen landwirtschaftlichen Flächen wurde das Futter und auf den Streuwiesen die Einstreu für das Vieh gemäht, ein reiner Grünlandbetrieb mit Wald, wie auch alle anderen in Schöffau.
Eigentlich hatten wir Geschwister viel Freiheit und auch eine schöne Kindheit, ein bisschen wie „die Kinder aus Bullerbü“. Als ich 11 war, hatte meine Mutter Regina jedoch eine Gehirnblutung und kam ins Krankenhaus. Von dem Tag an haben wir sie nicht mehr gesehen. Wir durften nicht ins Krankenhaus. Das war im Mai 1978. Unsere Mutter ist drei Monate später im August gestorben.
Mein Vater Johann hatte im gleichen Jahr im Juni einen Magendurchbruch und war seitdem eigentlich immer krank. Er hatte danach einen sehr empfindlichen Magen und auch ein Alkoholproblem. Er war zwar mit auf dem Hof, aber seine Arbeit blieb meist liegen.
Mein Bruder war dadurch sehr früh in der Verpflichtung, wenn es um den Hof ging. Damals in der neunten Klasse, hat er vor der Schule die Kühe gemolken und abends wieder.
Mit auf dem Hof war auch die (Stief-)Oma Elisabeth, die im Nebenhaus gewohnt hat, sie war damals 69 Jahre alt. Sie hat sich um uns gekümmert, so gut sie konnte. Und ich denke, gerade ihre Beständigkeit, was einen geregelten Tages- und Wochenablauf betrifft, hat auch uns geholfen, das hat unserem Leben Struktur gegeben. Ebenso wie die Arbeit auf dem Hof, die Tiere mussten täglich versorgt werden.
Und da gab es noch das Leben im Dorf mit seinem normalen Rhythmus. Es heißt schon immer, in der Schöffau, da helfen alle zusammen. Man schaut aufeinander. So wurde geschaut, dass wir Geschwister trotz der schwierigen Verhältnisse zu Hause fest ins Dorfleben mit eingebunden waren.
Ich war damals in der Schule, im Murnauer Gymnasium, und eine gute Schülerin. Meine Lieblingsfächer waren Mathe, Physik und Chemie. Es hat mir großen Spaß gemacht, lange Terme auszurechnen oder geometrische Beweise zu erstellen. Bäuerin zu werden stand damals nicht auf meinem Lebensplan.
Nach der 10. Klasse habe ich mich dafür entschieden, mit der Schule aufzuhören, weil ich einfach selbst Geld verdienen und finanziell unabhängig sein wollte. Ich habe mich bei Böhringer in Penzberg beworben, heute Roche. Als eine von zehn aus hundert ausgewählten Bewerbern habe ich dann eine Lehre als Chemielaborantin angefangen.
Mein Bruder Michael hat die landwirtschaftliche Lehre gemacht, ist aber letztendlich daran zerbrochen, dass mein Vater nie da war und er selbst keine Entscheidungen fällen durfte. Mit knapp 19 Jahren hat sich mein Bruder das Leben genommen.
Meine ältere Schwester Elisabeth hat damals, weil bei uns die Frau am Hof gefehlt hat, Hauswirtschafterin im ländlichen Bereich gelernt. Mit einer Ausnahmegenehmigung und Unterstützung einer Tante konnte sie die Lehrzeit bei uns zu Hause absolvieren.
Anfang 1984 habe ich meinen Freund und späteren Mann Hermann kennengelernt. Es stammt aus Peißenberg und wollte unbedingt Landwirt werden. Sehr früh bin ich schwanger geworden. Ich war 18, als unser Sohn Konrad geboren wurde.
So kam es, dass ich zusammen mit meinem Mann den Hof weiterführen bzw. übernehmen sollte.
Im Jahr 1987 heirateten wir und Ende 1988 war Hofübergabe. Im Januar 1989 kam Tochter Petra auf die Welt.
Die Beziehung stand unter keinem guten Stern, wurde bald schwieriger und die Konflikte und Streitigkeiten nahmen zu. Ich war einfach zu jung, wir hatten sehr unterschiedliche Lebensvorstellungen. Nach der Geburt des ersten Kindes war es von meiner Seite aus eine Vernunftehe. Letztendlich entschloss ich mich schon im Herbst 1989 zur Trennung.
Es war meine Entscheidung, die mein Mann lange nicht hat akzeptieren können. Aber sonst wäre ich untergegangen. Zwei Jahre später waren wir geschieden, der Hof blieb mein Eigentum und war ab da auch meine Aufgabe, in die ich aber erst hineinwachsen musste.
Durch die Landwirtschaft hatte ich ein Einkommen und die Möglichkeit, zu Hause bei meinen Kindern zu sein und die beiden Altenteiler, meinen Vater und meine Oma zu versorgen, was mit zunehmendem Alter immer wichtiger geworden ist.
Lange Jahre war ich die Hauptarbeitskraft am Hof, das ging schon an meine Grenzen. Es war aber auch so, dass ich viel Unterstützung und Hilfe erfahren habe. Da gab es Leute aus dem Dorf, Betriebshelfer und Verwandte, die einsprangen, wenn Not am Mann war. Jedem einzelnen, der mir geholfen hat, bin ich heute noch dankbar.
Meine Oma ist fast 96 geworden, sie war bis zum Schluss hier am Hof. Hier war es besonders meine jüngere Schwester, die mir bei der Pflege viel abgenommen hat.
Die Kinder wurden größer und selbstständiger, sie mussten aber auch bei der Bewirtschaftung des Hofes mithelfen. Vielleicht habe ich dabei manchmal zu viel von ihnen verlangt.
Lange Zeit war nicht klar, wie es später mit dem Hof weitergehen würde. Meine Kinder haben beide eine außerlandwirtschaftliche Ausbildung bzw. ein Studium gemacht.
Etwa im Jahr 2000 beschloss die Gemeinde, ein Dorferneuerungsverfahren in Schöffau durchzuführen, da nach dem Bau der Kanalisation die Straßen und Plätze hergerichtet werden sollten. 2002 war die Wahl der Vorstandschaft. Ich wurde mit vorgeschlagen und, für mich absolut nicht vorstellbar, ich habe die meisten Stimmen gekriegt. Da musste ich schon erst mal schlucken, habe aber die Herausforderung angenommen. Eigentlich war es schön, eine neue Aufgabe zu haben und in einer guten Gruppe selbst etwas für das Dorf gestalten zu können. Mehr sogar, als es mir im Vergleich dazu im Gemeinderat möglich ist, in dem ich seit 2014 Mitglied bin.
Von 2014 bis 2020 war ich im Sozialausschuss und bin seitdem Seniorenbeauftrage. Seit 2020 bin ich im Finanzausschuss und auch gern Beauftragte für Land- und Forstwirtschaft und Jagd.
Am Hof hat sich in der Zwischenzeit vieles geändert. Auf Betreiben meiner Tochter haben wir 2011/12 das Nebenhaus zu zwei Ferienwohnungen umgebaut. Gemeinsam haben wir den Betriebszweig „Urlaub auf dem Bauernhof“ aufgebaut. Unsere Gäste sind hauptsächlich Familien mit Kindern. Das läuft gut.
Im Jahr 2019 habe ich den Hof an meine Tochter Petra übergeben, obwohl der Steuerberater gemeint hat, ich sei für die Hofübergabe noch zu jung.
Petra hat sich hier am Hof mit ihrem Mann Hans ein kleines Haus gebaut. Und mit Hannes und Florian leben inzwischen auch zwei Enkel auf dem Hof.
Die eigenen Milchkühe wurden im Herbst 2023 verkauft. Das war für mich, trotz der Belastung der vielen Jahre zuvor, sehr schwer.
Es wurde ein Anbau an den alten Stall errichtet, in dem die Tiere frei laufen können. Seitdem haben wir rund 30 Pensionsrinder, um die wir, meine Tochter mit Schwiegersohn und ich, uns gemeinsam kümmern. Die Kälber kommen im Alter von etwa 3 Monaten zu uns, und bleiben, bis sie zwei, zweieinhalb Jahre alt sind. Kurz bevor sie selbst wieder ein Kalb bekommen, gehen sie zu ihrem Besitzer zurück. Im Sommer sind sie auf der Weide und im Winter im Stall.
Seit ich „Austraglerin“ bin, habe ich mehr Freiraum für mich, und es macht mir viel Freude, Zeit mit meinen Enkeln zu verbringen und sie aufwachsen zu sehen.
Gerne bin ich auch mit dem Radl unterwegs. Für heuer habe ich mir fest vorgenommen, mit einer Freundin mit dem Rad von daheim aus an den Bodensee zu fahren. Mal ein paar Tage weg, aber nicht zu lange. Und wenn es gut läuft, machen wir sowas vielleicht öfter.
Leben tue ich vom Ertrag der Ferienwohnungen. Die Vermietung, Büroarbeit und Instandhaltung sind meine Aufgaben, Petra kümmert sich um die Wohnungsreinigung. So ist es auf einem Hof, man hilft zusammen, sonst funktioniert es nicht.
Ich habe immer selbständig gearbeitet und gewirtschaftet. So ist es gut, dass ich hier einen Bereich habe, wo ich das weiterhin machen kann. Grundsätzlich brauche ich nicht viel, Statussymbole bedeuten mir nichts. Wenn ich viel übriges Geld hätte, würde ich mir sicher kein neues, teures Auto, sondern eher einen Bulldog oder eine Maschine für den Hof kaufen. Ich bin gern hier am Hof und mag mein altes Haus. Ich liebe die Natur und liebe es, hier am Hof die Jahreszeiten zu erleben und mit ihnen zu arbeiten. Hier ist mein Platz und da gehöre ich her.
Sascha Chowdhury, nach einem Gespräch mit Regina Schuster am 6. Mai 2025
(veröffentlicht in Hoagart 16 | Juli 2025, siehe unten, Seite 16)
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