Ich wurde am 9. Januar 1950 in Murnau geboren. Meine Eltern Alois und Franziska waren 1946 aus dem südlichen Böhmerwald vertrieben worden und nach Hofheim gekommen. Dort lebten wir zunächst in einer Notwohnung auf einem Bauernhof, direkt gegenüber der Hofheimer Kirche. Es war sehr bescheiden. Wir waren fünf Geschwister, und ich kam als fünftes Kind dazu. Fließendes Wasser gab es nicht, Abwasser ebenfalls nicht. Das gehörte damals einfach zu unserem Leben. Mein Vater war Eisenbahner und Alleinverdiener. Große Sprünge waren nicht möglich. Den ersten Fernseher hatten wir, als ich schon 19 war, ein Auto besaßen meine Eltern überhaupt nie.
1956 gelang es meiner Mutter nach langem Drängen beim Wohnungsamt eine Sozialwohnung in Uffing zu bekommen. Wir zogen in die heutige Röthenbachstraße 1. Die Wohnung hatte 55 Quadratmeter, eine Wohnküche, zwei Zimmer und eine Toilette. Fließendes Wasser gab es nun auch, das Bad im Keller mussten wir uns allerdings mit anderen Familien teilen. Für uns war das trotzdem ein großer Schritt nach vorne. Zum ersten Mal hatten wir ein richtiges Zuhause mit einem gewissen Komfort.
Uffing wurde damit zu meiner eigentlichen Heimat. Hier bin ich in die Grundschule gegangen, habe meine Freunde gefunden und vieles erlebt, was mich bis heute begleitet.
Nach der Grundschule wechselte ich auf den technischen Zweig der damaligen Mittelschule in Weilheim. Danach absolvierte ich ein zweijähriges Vollpraktikum bei der Bahn im Ausbesserungswerk Neuaubing. Da man damals erst mit 18 Jahren studieren durfte, war das eine gute Möglichkeit, praktische Erfahrungen zu sammeln. Im Oktober 1968 begann ich mein Studium am Münchner Polytechnikum, der späteren Fachhochschule München, spezialisierte mich auf Energieversorgung und Starkstromtechnik und schloss im Winter 1972 mein Studium ab. Am 15. April 1972 begann ich mit 22 Jahren als Betriebsingenieur bei dem damaligen Bayernwerk in Würzburg. Über mehrere Stationen entwickelte sich meine Laufbahn bis zur Leitung der Energiewirtschaft für den gesamten E.ON-Konzern, zuletzt wieder in München.
Schon als Kind spielte Musik eine große Rolle. Im Vorschulalter begann ich Mundharmonika zu spielen, später brachte mir mein Vater Akkordeon bei. Mit 14 Jahren kam das Flügelhorn dazu. Ein Onkel hatte ein altes Instrument zu Hause und fragte mich, ob ich es nicht einmal ausprobieren wolle. Ich wusste zunächst gar nicht, was ich damit anfangen sollte. Aber ich probierte es aus – und brachte tatsächlich die ersten Töne heraus.
1965 stieg ich bei der Blaskapelle Uffing ein. Damit begann eine Verbindung, die mich praktisch mein ganzes Leben begleitet hat. Musik war für mich nie nur ein Hobby. Sie war immer auch Gemeinschaft, Freundschaft und ein Stück Heimat.
Daneben spielte ich bis zum 18. Lebensjahr in der Jugend des Uffinger Sportvereins Fußball. Das waren prägende Jahre. Man war ständig mit anderen zusammen, hat miteinander gespielt, gestritten, gelacht und sich wieder vertragen. Viele dieser Kontakte und Erinnerungen sind mir bis heute geblieben.
Ein ganz entscheidender Abschnitt meines Lebens begann allerdings mit einer Reise in die Heimat meiner Eltern. Meine Eltern und Geschwister hatten immer wieder vom alten Zuhause im Böhmerwald erzählt. Das hat mich neugierig gemacht. 1970 konnte ich mir für 200 Mark einen VW Käfer kaufen und fuhr damit zum ersten Mal dorthin. Meine Eltern waren dabei und zeigten mir, wo die Familie früher gelebt hatte. Ich konnte dadurch endlich selbst sehen, wovon vorher immer erzählt wurde. Die Reise beeindruckte mich so sehr, dass ich ein Jahr später erneut dorthin fuhr. Über eine Verwandte lernte ich meine spätere Frau Vlasta kennen. Sie arbeitete damals in einem Kindergarten und spielte Klarinette. Ich war Musiker – sie war Musikerin. Da lag es nahe, dass man uns miteinander bekannt machte. Und daraus ist tatsächlich etwas geworden.
Allerdings war das keine einfache Zeit. Meine Frau lebte in der damaligen Tschechoslowakei, ich in Deutschland. Ich wohnte und arbeitete zu dieser Zeit in Würzburg. Wann immer ich ein Visum bekam, fuhr ich zu ihr. Mein erster Reisepass war irgendwann komplett vollgestempelt. Damals, zur Zeit des Eisernen Vorhangs, wussten wir nie, wie lange die Grenze noch offen sein würde und wie sich die politische Situation entwickeln würde. Deshalb wollten wir nicht lange warten.
Wir heirateten Ende 1972. Die große kirchliche Hochzeit fand im September im Heimatort meiner Frau statt, mit rund 90 Gästen. Natürlich durfte auch die Musik nicht fehlen. Die Musikkapelle Spatzenhausen, bei der ich schon damals spielte, fuhr mit einem ganzen Bus zur Hochzeit über die Grenze. Gefeiert wurde anschließend auch in Hohenfurth, dem Heimatort meiner Eltern. Für mich war das etwas ganz Besonderes: Meine eigene Familiengeschichte, die Geschichte meiner Eltern und meine neue Familie kamen an diesem Tag gewissermaßen zusammen.
Nach der Hochzeit konnte meine Frau im Rahmen der Familienzusammenführung nach Deutschland kommen. Wir lebten kurz noch in Würzburg. Schon bald lies ich mich vom Bayernwerk nach Karlsfeld versetzen, und wir kehrten nach Uffing zurück.
Eine Zeit lang wohnten wir in einer Wohnung in der Bahnhofstraße 6. Das war für uns etwas ganz Neues, denn weder meine Frau noch ich hatten in unseren Elternhäusern ein eigenes Zimmer gehabt. Plötzlich hatten wir unser eigenes kleines Reich. Wir haben uns dort sehr wohlgefühlt.
Dann kam die Familie. 1974 wurde unser erster Sohn Alois geboren, zwei Jahre später Martin. 1985 kam unser jüngster Sohn Hubert dazu. Gerade bei unserem Dritten war der Zeitpunkt besonders schön, denn kurz vor seiner Geburt konnten wir in unser eigenes Haus einziehen.
Der Weg zu diesem Haus war allerdings nicht einfach. Ende der 1970er Jahre konnten wir ein Grundstück erwerben, das später noch erweitert wurde. 1983 begannen wir mit dem Bau. Vieles wurde in Eigenleistung geschaffen. Meine Frau hat u. a. alle Fliesenarbeiten übernommen, Freunde und Bekannte haben geholfen. Ein ehemaliger Maurerpolier aus der Familie unterstützte uns beim Bau. Wir hatten damals durchaus finanzielle Sorgen. Vom Grundstückskauf waren noch Schulden da, und für das Haus mussten wir weitere Kredite aufnehmen. Aber dank unerwarteter Beförderungen beim Bayernwerk schafften wir es, bereits Anfang der 1990er Jahre schuldenfrei zu sein. Dieses Haus ist für mich auch deshalb mehr als nur ein Gebäude. Es steht für eine Zeit, in der wir gemeinsam etwas aufgebaut haben.
Meine Frau hat einen ganz entscheidenden Anteil an unserem gemeinsamen Leben. Sie hat mir immer den Rücken freigehalten. Mit den Kindern und mit allem, was zu unserem Familienleben gehörte. Ohne ihre Unterstützung hätte ich vieles von dem, was ich gemacht habe, gar nicht machen können. Ich weiß sehr genau, wie dankbar ich dafür meiner Frau sein muss.
1977 habe ich geholfen, die Musikkapelle Uffing neu aufzubauen. Das war eine große Aufgabe. Meine Frau, die privat Blockflöte, Klarinette, Saxofon und Querflöte unterrichtete, und ich haben gemeinsam junge Musiker ausgebildet. Sie kümmerte sich um die Holzbläser, ich um die Blechbläser. Wir haben im Laufe der Jahre viele Jugendliche unterrichtet und aus diesen Anfängen entstand wieder eine richtige Kapelle.
Nach zwölf Jahren wurde mir das allerdings zu viel. Mehr als 40 Veranstaltungen im Jahr, dazu Proben, Beerdigungen und die ganze Organisation – irgendwann merkte ich, dass ich mich ein Stück weit verbraucht hatte. Kurz vor der 1250-Jahrfeier 1989 trat ich zurück. Das hat mir damals mancher übelgenommen, zumal ich bei der Kapelle in Spatzenhausen weiterhin aktiv war.
1990 übernahm ich den Kirchenchor St. Agatha Uffing. Das war für mich fast eine Erholung. Die Verpflichtungen waren überschaubarer und ich konnte viel freier arbeiten. Dabei entdeckte ich auch das Singen für mich und habe gemerkt: Singen ist eigentlich das ursprüngliche Musizieren. Musik machen ohne „Prothese“, habe ich immer gesagt.
Besonders wichtig wurde für mich später die Böhmische Hirtenmesse. Die Noten hatte ich von Verwandten aus Tschechien bekommen. Wir mussten sie ins Deutsche übertragen und für den Gesang bearbeiten. Dafür haben wir manche Nacht bis spät gearbeitet. Schließlich konnten wir das Werk erstmals 1995/96 mit den Chören Uffing und Huglfing samt Orchester aufführen – in Uffing und Huglfing. Für mich war das nicht nur ein musikalisches Projekt. Es hatte auch mit meiner Familiengeschichte zu tun. Die Musik kam aus der Heimat meiner Frau Vlasta.
Im Jahr 2013 ging ich nach über 40 Berufsjahren in Rente. Der Ruhestand bedeutete für mich aber keinen Rückzug. Ich erhielt einen Lehrauftrag an der Fachhochschule Landshut und unterrichtete Netztechnik und Netzführung. Außerdem wurde ich von 2014 bis 2020 für die WGU in den Uffinger Gemeinderat gewählt. Für „vorbildliche ehrenamtliche Einsätze für die Gemeinde" wurde mir 2026 der Silberne Ehrentaler der Gemeinde Uffing a. Staffelsee verliehen.
Auch blieb die Musik ein wichtiger Teil meines Alltags. Ich bin weiterhin im Chor und in der Musikkapelle in Spatzenhausen als 1. Flügelhornist aktiv.
Daneben habe ich nach dem Berufsleben eine weitere Leidenschaft entdeckt: das Bergwandern. Ein Freund nahm mich einmal auf eine geführte Tour auf den Jochberg mit. Meine Frau war damals auch dabei. Mir hat das so gut gefallen, dass ich mir vorstellen konnte, später selbst solche Wanderungen zu führen. 2013 war es dann so weit. Ich begann, Bergwanderungen für die Gemeinde zu organisieren und zu führen. Später habe ich dafür sogar eine entsprechende Ausbildung zum Bergwanderführer in Österreich gemacht.
Irgendwann kommt jedoch der Punkt, an dem man Verantwortung abgeben muss. Das gilt für die Musik genauso wie für die Berge. Lieber höre ich rechtzeitig als Bergwanderführer auf und kann vielleicht noch als Teilnehmer mitgehen. Ich sage immer: Der Motor läuft noch gut, aber an der Karosserie merkt man, dass sie älter wird.
Für das Alter ist vieles geregelt. Wir haben unseren Kindern bereits vieles übergeben, und sie stehen selbstständig im Leben. Ich wünsche mir vor allem, dass die Kinder und Enkel gesund bleiben und weiterhin ihren eigenen Weg gehen. Ich habe immer im Hinterkopf, dass nichts selbstverständlich ist und dass sich Dinge von heute auf morgen verändern können. Das habe ich früh gelernt. Deshalb möchte ich das Leben nicht unnötig kompliziert machen. Ich weiß nicht, wie lange alles noch so weitergeht wie heute. Aber solange es geht, möchte ich es machen: Musik, Radfahren, Menschen treffen, vielleicht noch ein paar schöne Bergtouren – und vor allem Zeit mit meiner Familie verbringen.
Wenn ich auf mein Leben schaue, dann bin ich dankbar für das, was daraus geworden ist. Ich habe meine Frau kennengelernt, mit ihr eine Familie gegründet, ein Haus gebaut und drei Kinder großgezogen – und viele Menschen durch die Musik kennengelernt. Und vielleicht ist das am Ende das Wichtigste: dass man Menschen hat, mit denen man sein Leben teilen kann.
Sascha Chowdhury, nach einem Gespräch mit Hubert Schwingshandl sen.
am 20. August 2026
(veröffentlicht in Hoagart 21 | Oktober 2026, siehe unten, Seite 12)
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