Mit 52 kann man noch keine so große Lebensgeschichte erzählen. Ich bin Ur-Uffinger. Zwar nicht in Uffing geboren - wir alle sind ja in Murnau im Krankenhaus zur Welt gekommen. Aber meine Familie ist zumindest seit zwei Generationen in Uffing.
Eigentlich haben wir Schmid geheißen und nicht Pantele. Mein Urgroßvater, ein geborener Schmid, stammte aus Ohlstadt.
Mein Urgroßvater hat dann dieses Anwesen hier in der Murnauer Straße 20 in Uffing im Jahr 1903 gekauft.
Seine Frau Helene hat 1906 ein einziges Kind, eine Tochter, gekriegt - meine Oma Katharina.
Meine Oma hat 1934 einen Jakob Pantele aus Rieden geheiratet. Und da gab es einen Sohn. Das war dann mein Vater, der Jakob Pantele, wieder ein Einzelkind.
Meine Mutter stammt aus Habaching und lebt jetzt auch schon über 60 Jahre in Uffing.
Aber die Uffinger, die Panteles, haben ja auch eine interessante Geschichte. Die stammen ursprünglich schon aus Uffing. Genauer gesagt aus Schöffau. Und zwar aus Mazlmoos, einem ehemaligen Hofanwesen zwischen Harberg und Brand.
Ich habe zwei Geschwister. Mein Bruder Jakob ist acht Jahre älter als ich. Er ist verheiratet und lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Hechenrain.
Meine Schwester Viktoria, von vielen Dorle genannt, ist sieben Jahre älter als ich. Sie hat nach Bad Kohlgrub geheiratet und hat vier Kinder.
Wir Kinder sind in Uffing aufgewachsen. Ich war in Uffing in der Volksschule und bin in der fünften und sechsten Klasse in der Teilhauptschule Seehausen unterrichtet worden. Damals vom Lehrer Wintermeier - er war ein Sportler und ich nicht.
Mein Vater war ein Mensch, der nichts allein machen wollte. Wenn er uns Kinder gesehen hat, sollten wir immer mal schnell helfen. Und aus schnell wurden dann meist ein paar Stunden, oder auch ein ganzer Tag.
Mein Vater ist vor 15 Jahren gestorben. Er war schon eine sehr dominante Persönlichkeit, aber äußerst gerecht. Er war ein überzeugter Uffinger und hat sich sehr für die Vereinsideale und die Kirche eingesetzt.
Und wir Kinder haben da von ihm viel gelernt. Klar für uns war: Wir sind Teil dieser Dorfgemeinschaft. Und wir müssen diese auch mit Leben füllen.
Ich bin Teil einer kirchlichen Gemeinschaft, wo man sich engagiert, wo man Gottesdienste feiert, wo man vorbereitet, nachbereitet, Organisationsräume schafft. Als Kirchenpfleger bin ich in der Kirchenverwaltung St. Agatha für das profane Vermögen verantwortlich: dass die Kirche ein Dach hat, das dicht ist, und dass dafür Geld da ist.
Die ganze Weltgeschichte und auch die Geschichte Uffings gleicht einer Wellenform: Es gibt Höhepunkte und es gibt Tiefpunkte.
Beim Vereinswesen sind wir weiter in Richtung Talsohle unterwegs. Man merkt einfach, dass auch die etablierten Vereine Probleme haben, Vorstände und engagierte Leute zu finden.
Und es geht weiter in den Gemeinderäten, die es heute nicht leicht haben, geeignete Kandidaten aufzustellen. Es gibt zwar viele Kandidaten, aber aus meiner Sicht sollte der Gemeinderat eine Mischung aus einem Dorf sein.
Zur Kirche bin ich über meine Mutter gekommen. Zuerst ist es so diese Pflicht. Man wuchs da rein. Dann war man engagiert im Pfarrgemeinderat. Und dann kam die Entscheidung für die Kirchenverwaltung. Man selbst ist Beamter, also ist man in der Verwaltung tätig. Ja, und irgendwann kommt aber dann dieser Teil, wo man sich fragt: Was ist denn Kirche? Und was ist Glaube?
Diese Differenzierung findet dann einmal statt. Dieser Moment, wo ich mir sagte: Das gibt mir einen Halt. Halt im Leben. Weil man, wie auch das Kirchenjahr, nicht immer Hochzeiten hat. Wenn man sich damit einmal befasst. Das hat Hochzeiten wie Ostern, Weihnachten oder große Festtage. Es gibt aber auch die Trauerzeiten wie die Fastenzeit, die Adventszeit, wo die Kirche bewusst ruhig ist. Und wenn man sich da ein bisschen in diese Texte einliest und das Evangelium ein bisschen lebt, nicht intensiv, das braucht man gar nicht, nur einfach einmal abends einen Text lesen, oder hinsitzen, oder bloß eine Kerze anzünden und auch Musik dazu hören. Das reicht oft schon. Das lebt die Kirche das ganze Jahr.
Die Leute sind alleingelassen, sie vereinsamen. Sie finden sich nicht mehr zusammen in Gemeinschaften. Die Gemeinden müssen einspringen. Was früher gar nicht notwendig war, weil da entweder eine Vereinsgemeinschaft oder die Glaubensgemeinschaft war, die diese Menschen aufgefangen haben. Das muss heute alles bezahlt werden. Im Grunde zahlt der Bürger statt der Kirchensteuer jetzt einfach mehr Gemeindesteuern, weil das auch finanziert werden muss.
Ich bin schon seit 30 Jahren in der Kirche engagiert. Aber wem könnte ich meinen Job übergeben? Wer ist denn noch da? Wer würde das weiterführen? Ist da dann Schluss, Ende?
Was halt schon auch ein Punkt ist, warum es für die Vereine immer schwieriger wird, ist halt das ganze rechtliche Außenrum.
Und als Vereinsvorstand verstehe ich das Problem. Früher haben die Älteren und Erfahrenen den Vorstand gemacht. Die sagen heute alle: Vergiss es! Erstens kann ich mit Computer und Smartphone schon gar nicht. Wenn du heute einlädst, musst du das über Instagram machen oder sämtliche Kanäle bestücken. Du machst nicht mehr klassisch ein Plakat an die Kirchtafel hin, und dann kommen die Leute. Nein, nein, das läuft heute völlig anders. Darum ist das Vorstandsalter auch in unseren Vereinen sukzessiv nach unten gerutscht, weil die Älteren völlig überfordert sind mit dem, was da erwartet wird.
Wie in der Kirche, so auch im Verein, wird es mehr auf eine Rumpfmannschaft zulaufen. Mehr wird nicht mehr bleiben. Weil man es nicht mehr braucht: Weil es die Leute nicht mehr wollen.
Ich habe immer gern mit Zahlen gearbeitet, weil Sprache für mich immer ein Problem war. Heute weiß ich warum: Weil ich schwerhörig bin. Und da war scheinbar mal eine Kinderkrankheit, die aufs Mittelohr gegangen ist. Ich trage Hörgeräte seit fast 20 Jahren.
Heute interessieren mich Sprachen: Italienisch, Latein - Französisch halte ich für die schönste Sprache der Welt.
Nach meiner Schulzeit war klar, es geht in Richtung mathematische Sachen. Das hat mir auch gefallen. Also Verhältnisrechnungen und mathematisch etwas zu erklären.
Da ich kein Abitur hatte, aber den kaufmännischen Zweig in der Realschule absolviert hatte, musste es ein Lehrberuf werden. Ich bin dann am Finanzamt Weilheim eingestellt worden und war in meiner Ausbildung zum Finanzbeamten auch sieben Monate an der Landesfinanzschule Ansbach - zum ersten Mal weg von daheim.
Später ging es dann an das Finanzamt nach Starnberg und Garmisch-Partenkirchen und zwischendurch, nach der „Zurückstellung wegen Unabkömmlichkeit beim Finanzamt“, im Januar 1994 zum Grundwehrdienst in die Kemmelkaserne nach Murnau.
Und es war eine sehr, sehr lehrreiche, gute Zeit, in der man Gemeinschaften gefunden hat. Ich würde mir heute wünschen, dass viele das auch wieder leben müssten, weil man, glaube ich, den Umgang mit Menschen so besser lernt. Was für Charaktere gibt es und wie muss man mit diesen umgehen, um mit ihnen zu leben?
Daheim bedeutet für mich, dort zu sein, wo man gewollt ist, und nehmen kann, ohne zu fragen. Ich erinnere mich so gut, dass ich als Kind nach dem Essen am Tisch meiner Eltern gesagt habe: „Vielen Dank für das Essen.“ Worauf mein Vater geantwortet hat: „Ich will nicht, dass sich meine Kinder bei mir fürs Essen bedanken.“ Diese Antwort treibt mir noch heute Tränen in die Augen. Das meine ich, das ist Heimat, das ist daheim.
Ich habe mein eigenes Haus. In dem Sinn keine eigene Familie um mich herum. Ich lebe mein Leben allein. Aber das Gefühl von Familie hat man schon. Wenn die Mutter nicht mehr ist, wird das anders sein.
Im Jahr 2002 wurde ich in den Gemeinderat gewählt und war dort 15 Jahre tätig. Und dann war Donnerstagabend schon nicht mehr frei, weil da die Gemeinderatssitzungen waren. Da ging die Sportgruppe nicht mehr, in der ich viele Jahre zuvor mit meinem Garmischer Kollegenkreis beim Volleyball, Langlaufen und mit den Mountainbikes unterwegs war. Und da merkt man dann, wie das Leben Einfluss nimmt. Auf einmal gehen die Jugendzeit und ein superschöner Lebensabschnitt zu Ende.
Die EDV war immer schon mein Steckenpferd. Und seit 2016 bin ich als Hauptsachgebietsleiter Automation EDV im Finanzamt Starnberg tätig.
Dann habe ich auch die Ortsführungen angefangen. Geschichte hat mich einfach interessiert. Insbesondere auch seit meinem Engagement als Schreiber während der 1250-Jahrfeier in Uffing im Jahr 1989.
Und da habe ich die Liebe zu unserer großen Uffinger Geschichte gelernt. Ich habe auch viele Reisen gemacht. Und plötzlich merkt man, wenn man sich für Land und Leute interessiert, wie Geschichte alles miteinander verbindet. Plötzlich wird die Geschichte völlig logisch.
Ich liebe Landkarten. Und wenn ich was über einen Ort höre, muss ich mir den auf der Landkarte anschauen und mit dem Drumherum in Bezug setzen.
Ich wünsche mir, dass die Menschen, die sich heute engagieren, auch einen Lohn kriegen für das, was sie machen, und dann nicht allein dasitzen und es ist niemand da. Man macht das auch aus einer Überzeugung, dass es gut ist für die nächste Generation, gut ist für die Menschen vor Ort. Und ich wünsche mir, dass man versteht, dass die Gemeinschaft viel wichtiger ist als das Einzelne.
Sascha Chowdhury, nach einem Gespräch mit Georg Pantele am 21. August 2025
(veröffentlicht in Hoagart 17 | Oktober 2025, siehe unten, Seite 12)
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